Die Krise ist hier und jetzt - sie ist eine Chance für Heilung

In Gesprächen mit Freunden kam immer wieder auf, dass uns etwas Schlimmes bevorstehen würde. Oder Zweifel ob es zu einem „Weltuntergang“ kommen würde. Ich teile die Sicht der unten verlinkten Autor:innen, dass die Krise hier und jetzt ist. Dabei ist ein Teil der Krise, dass sie nicht wahrgenommen, nicht gefühlt sondern verdrängt wird. Selbst Formulierungen wie „wie sehr wir unsere Lebensgrundlagen zerstören“ können Teil der Verdrängung sein, weil sie eine Distanz aufbauen. Es ist ein großer Unterschied etwas kognitiv zu verstehen und etwas zu fühlen.

 

Auch, wenn ich hier etwas stellenweise rational beschreibe, bleibt das ein Versuch, zum fühlen einzuladen. Mir hat es geholfen Beschreibungen zu lesen, um etwas Unbewusstes bewusst und damit besprechbar zu machen. Damit es dann auch heilen kann. In diesem Sinne schreibe ich diese Worte. Die Autor:innen, von denen ich viel gelernt habe, erwähne ich kurz zwischendurch und am Ende als Buchempfehlungen.

 

Die Trennungen auf den verschiedenen Ebenen sind alle miteinander verwoben und gemeinsam Ausdruck einer sehr umfassenden Krise: Trennung von Tieren und Pflanzen (ökologische Krise), Trennung von Mitmenschen, Familie und Gemeinschaft (soziale Krise) sowie Trennung von unserer heiligen Mitte, unserer Seele und dem großen Ganzen (spirituelle Krise). Sehr gut verständlich hat das Charles Eisenstein immer wieder beschrieben.

Im Innen wie im Außen bedeutet Verarmung in der äußeren Welt führt auch zu einer Verarmung in der inneren Welt. Ein intaktes Ökosystem um uns herum, hat also eine direkte Wirkung auf unseren inneren Reichtum. Wenn wir uns also europäische Urwälder mit hundertjährigen Eichen und Buchen vorstellen und demgegenüber ein Maisfeld können wir erahnen, was wir verloren haben.

Die Krise ist eine Zuspitzung, die vieles immer offensichtlicher macht. Das Verdrängen wird immer schwieriger und braucht immer mehr Energie. Dadurch hilft sie auch, sich vieles bewusst anzuschauen. Die Krise ist damit ein Katalysator und Bewusstheit der erste Schritt der Heilung.

Heilung ist verwandt mit heilig, holon, holistisch – bedeutet wieder Ganz zu werden. Wie gelingt das? Durch Verbindung. Dadurch, dass wir wieder mehr und mehr uns als verbundene Wesen wahrnehmen, die eingebunden sind in ein großes Ganzes. Dass wir Teil von Ökosystemen sind, die wir kreativ mitgestalten und erhalten können. Dass wir lebendige Beziehungen zu Familie und Freunden führen und Gemeinschaften wiederherstellen. Als ein langer Weg (siehe vorherigen Beitrag). Als ein umfassender Heilungsprozess, der den Umfang an Trennung würdigt, den wir erfahren haben.

 

Meine letzte Lektüre war 500 Jahre Bauernkrieg von Florian Hurtig. Der Autor spannt dabei einen Bogen, nutzt das Jubiläums des Bauernkriegs von 1525, um über den 500 jährigen Krieg gegen das Bäuerliche zu erzählen. Von der Vertreibung vom Land in Irland und England für die frühkapitalistische Wollproduktion, dem Genozid in Nordamerika in der Folge der Einwanderung der Vertriebenen bis zur Naturwissenschaft als Ideologie, die Herrschaft über Natur legitimiert. Trennen und beherrschen als Konstante. Im Ergebnis, dass wir Menschen immer mehr vom Land getrennt wurden und heute die wenigsten wirklich gemeinsam mit den Nicht-Menschlichen Wesen Lebensmittel herstellen. Für mich war die Lektüre wie ein weiteres Puzzlestück, um ein vollständigeres Gesamtbild vom Ausmaß der Krise zu bekommen und gleichzeitig eine Bestärkung, um mich weiter für Frieden, Heilung und Liebe einzusetzen.

Das Buch passt gut zu Armin Risi, von dem ich in 2025 mehrere seiner Bücher gelesen habe, auch wenn er eine ganz andere Sprache verwendet und einen anderen Ansatz verfolgt. Risi beschreibt gut die Zyklen und Zeitalter (wie sie aus den indischen Weisheitstradition bekannt sind oder aus dem Maya-Kalender), dass 2012 also wirklich eine „Welt“ untergegangen ist und die 25 Jahre davor und danach wir in einer Übergangszeit leben. Die 500 Jahre des letzten dunklen Zeitalters (Kali Yuga) waren demnach innerhalb der letzten 5000 Jahre die "dunkelsten". Vielleicht leichter wahrnehmbar aus einer indigenen Perspektive. Ich habe hier auch schon mehrfach Manitonquat oder Malidoma Some zitiert, von denen ich viel gelernt habe. Dass also die Indigenen egal ob in Süd- oder Nordamerika, Australien oder Afrika in den letzten 500 Jahren fast alle ermordet wurden, ihre Lebensräume wurden genauso zerstört wie ihre Sprachen, Kulturen und ihre Weltsicht. Erst seit wenigen Jahrzehnten gibt es in zunehmenden Maß Ansätze, einerseits die letzten Reste zu schützen oder wiederherzustellen und andererseits auch die Bereitschaft von mehr und mehr Menschen von indigener Weisheit zu lernen.

Die Zerstörung der europäischen indigenen Kultur war schon früher in diesem Zeitalter und ist noch weiter verdrängt: Der Aborigine weiß noch, dass er ein solcher ist und, dass ihm fast alles genommen wurde. Der normale "Westler" weiß nicht einmal das. Er ist meist völlig getrennt und kann diese Trennung gar nicht fühlen.

Das dunkle Zeitalter umfasst die letzten 5000 Jahre und ist geprägt von Spaltung, Angst, Herrschaft, Krieg, Patriarchat, Mangel und Geld. Die „offizielle“ Geschichte beginnt nicht umsonst genau dort und klammert die Zeit vorher aus. (Zu matriarchalen Kulturen ist Heide Göttner-Abendroth sehr zu empfehlen).

Für mich ist durch viele Bücher das Bild über die Jahre immer größer und vollständiger geworden. Auch wenn ich vieles geahnt habe und intuitiv gemacht habe, habe ich nie aufgehört zu lesen und zu lernen, um mehr zu verstehen und damit auch besprechbar zu machen. So in dem Sinne von walk your talk and talk your talk. Es also hilfreich ist, sich selbst genauso wie anderen erzählen zu können, warum Äpfel sammeln so unglaublich wichtig ist.

Auch um sich auszurichten, worum ich mich bemühen will: Fühlen lernen, lernen Beziehungen zu pflegen und andere dabei unterstützen, sich gemeinsam organisieren, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Gemüse anbauen. Nüsse, Früchte oder Brennholz ernten. Respektvoll nehmen (die Ethik dazu bei Robin Wall Kimmerer gut beschrieben). Singen. Tanzen. Das Leben feiern. Zur Fülle beitragen. Schönheit wahrnehmen und die Welt verschönern, leave a beautiful trace.

Ich habe in 2025 wieder angefangen verstärkt Trainings in Gewaltfreier Kommunikation nach Rosenberg zu geben. Communicare vom Lateinischen sich um das Gemeinsame kümmern. Ich habe zum ersten Mal die vielen Nüsse von unserem Walnussbaum gesammelt und getrocknet und die Kinder essen sie seit Wochen gern. Im Englischen gibt es die Redewendung „in a nutshell“, wenn etwas Größeres in etwas Kleinem sichtbar wird. In diesem Sinne geht es mir oft, wenn ich die Nüsse in die Hand nehme oder einen Baum fälle und dabei ein Ritual für ihn vollziehe.

Auch in 2026 stellen wir das Tanzgut Euch wieder als einen Ort zur Verfügung, um euch zu unterstützen eine tänzerische Haltung zu kultivieren. Beziehungen zu pflegen, in Kreisen zusammenzukommen. Sich zu öffnen und offen zu bleiben. Schön, wenn wir gemeinsam für Liebe, Heilung und Frieden aktiv sind. Musizieren, tanzen, singen, malen, gärtnern, pflanzen, bauen, kooperieren, heilen.

 

 

 

Buchempfehlungen:

 

Florian Hurtig – 500 Jahre Bauernkrieg

Robin Wall Kimmerer – Geflochtenes Süßgras

Charles Eisenstein – Die schönere Welt die unser Herzen kennt ist möglich

Malidoma Some – The Healing Wisdom of Africa

Manitonquat – Rückkehr zur Schöpfung

Armin Risi – Ihr seid Lichtwesen; - Und plötzlich große Klarheit

Heide Göttner Abendroth zu Matriarchaten

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Thomas Riedel (Freitag, 30 Januar 2026 18:58)

    Danke für die Lektüre, war sehr spannend mal was von dir zu lesen. Ich mag, wie du schreibst � Ja der Kampf der Menschen gegen ihre Grundlage, sehr traurig.

  • #2

    Philipp (Samstag, 31 Januar 2026 21:11)

    Hey Thomas, Danke für deinen wertschätzenden Kommentar! Freue mich immer über Kommentare und aus dem Freundeskreis dann ganz besonders :-)